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Das ist jetzt ganz sicher einer dieser raren glücklichen Momente in seinem Leben. Francesco F. (Name geändert) steht in seiner Mini-Küche und führt sein Objekt „Botschaft des Friedens“ vor.
Es handelt sich um einen kleinen Globus, aus dem Gips-Hände in unterschiedlichen Hautfarben ragen. Die kleine Erde dreht sich, um diese wiederum drehen sich in Gegenrichtung drei Ringe, auf denen die Botschaft des Friedens in 24 Sprachen übersetzt ist. Angeschaltet wird der Prototyp des Kunstwerkes mit einem kleinen Motor, den ein Freund ihm eingebaut hat.
Die rotierende Friedensbotschaft, die Francesco F., 73, am liebsten in der Vorhalle eines Altersheimes oder eines Hospizes ausstellen würde, ist jedoch nicht seine einzige Erfindung. In der Küche über dem Sofa hängen weitere interessante Prototypen. Etwa die „Saisonuhr“ mit vier Jahreszeitenbildchen. In jedem Quartal „tickt“ ein anderes. Oder das klappbare Teil, das Kalender, Uhr und Thermometer in einem ist. Sein Lieblingsding ist aber der ganz besondere Unterteller, den Francesco jetzt aus einem Koffer holt. Er war schließlich nicht umsonst Kellner und weiß um die Marotte der Gäste – noch aus Raucherzeiten – die Teebeutel in die Aschenbecher zu legen. Auf dem Spezialunterteller aber gibt es eine eigene Vertiefung dafür, ebenso wie für ein Glas und einen weiteren Gegenstand, vielleicht die Zitronenpresse.
Francesco F. wird seit 15 Jahren vom Sozialpsychiatrischen Dienst Bogenhausen betreut. Er nimmt seit 40 Jahren Antidepressiva. Unter seinen Depressionen hat er immer wieder lange und intensiv gelitten, was seine handgeschriebenes Buch „Mein Leben – ein Altraum“, „Autobiografie eines Wahnsinnigen“ demonstriert. Aber auch der erste Satz, den er beim Interview sagt: „Ich war schon mit 17 unglücklich.“
Heimweh sei es anfangs gewesen, sagt er. In seinem Heimatort in Italien bei Mailand habe er nach seiner Ausbildung als „Meccanici“, als Automechaniker, keine Arbeit bekommen. Dann sei er auf eine Hotelfachschule in Süditalien gegangen, später bekam er Arbeit in England. Ob es wirklich allein das Heimweh war, weiß man nicht. Es ist vielleicht einfach die etwas tragische Sicht auf die Welt, die mit seiner Krankheit zusammenhängen mag.
„Alles im Leben ist Schicksal“, sagt er einerseits. Dann wieder beschreibt er, dass er sich „immer an einer Kreuzung“ fühle und dauernd entscheiden müsse, ob er nach links, nach rechts oder geradeaus gehen wolle. „Nur zurück geht nicht“, erklärt er philosphisch. Die Möglichkeit, dass eine Entscheidung falsch sein könnte, macht ihn ziemlich verzweifelt. „Hinterher denke ich oft: ’Hätt ichs doch anders gemacht’.“ Aber wieso denn, wenn alles ohnehin Schicksal ist? Das kann er nicht erklären, er zeigt nur auf eine Skizze an der Wand, die wohl sein Inneres gut abbildet. Darauf sind unzählige zackige Wege mit Bleistift gezeichnet, das Blatt trägt die Überschrift „Destiny - Anfang des Lebens“.
Zu allem seelischen Unglück, zu dem auch einige gescheiterte Beziehungen mit Frauen beitrugen, sind inzwischen auch körperliche Leiden gekommen. Er hatte einen Herzinfarkt, hat Prostatakrebs und chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung. Alkohol, dem er bis vor 15 Jahren viel zu viel zugesprochen hat, trinkt er schon lange nicht mehr. Sein schlimmstes Leiden aber ist die Einsamkeit. Gegen diese hat er seit zwei Monaten ein „Mittel“ bekommen. Die Beratungsstelle hat ihm durch das Projekt „Wohnen für Hilfe“ einen Studenten vermittelt, der in der kleinen Kammer seiner Wohnung lebt und sich dafür ein wenig mit F. beschäftigt. Außerdem genießt F. „betreutes Einzelwohnen“, was heißt, dass er zwei Mal die Woche von einer Betreuerin besucht wird.
„Herr F. ist von schweren und chronischen Depressionen geplagt, die ihn immer wieder heimsuchen“, erklärt Veronika Bernlochner, seine Betreuerin vom Sozialpsychiatrischen Dienst. „Es gibt keine Heilung.“ Er sei dann völlig lahmgelegt, helfen könnten nur schwere Medikamente. „In besseren Phasen, die es aber immer seltener gibt, ist er durchaus aktiv und auch kreativ tätig“, so Bernlochner. Besonders plage F., dass er soziale Kontakte aufgrund seiner Depression nur schwer dauerhaft halten könne. „In Phasen der Depression mag er niemand sehen und hat keine Kraft, seine Beziehungen zu pflegen. Die Leute wenden sich dann meistens ab.“
Weil F. seinen Beruf als Kellner wegen seiner Krankheit nicht durchgehend ausüben konnte, dafür aber viel ehrenamtlich im Treff des Sozialspsychiatrischen Dienstes geholfen hat, ist seine Rente extrem gering. 385 Euro müssen ihm nach Zahlung der Miete zum Leben reichen.
Um sich nicht allein zu fühlen, hat F. seinen Fernseher und sein Radiogerät mit Kassettenrekorder auf Dauerbetrieb. Letzteres ist leider defekt und gibt kaum mehr als ein Rauschen von sich. Mit einem neuen Radio inklusive CD-Player könnte man F. schon sehr beglücken. Noch mehr natürlich mit Gesellschaft und Aufmerksamkeit für seine Kunstwerke.
(SZ vom 15.12.11)