Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Fast ein Jahr lang hat Slavica D. den Berechtigungsschein für die Kirchheimer Tafel ungenutzt in der Tasche herumgetragen. Das Schamgefühl, nicht mehr für sich selbst sorgen zu können, hielt sie davon ab, Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Ich kam mir vor wie ein Bettler, wie der letzte Mensch“, erzählt sie. Inzwischen nimmt sie das Angebot jedoch gerne an.
Ihr Leben lang hat die heute 59-Jährige für sich und ihre Familie gesorgt – egal ob als Küchen- oder Stationshilfe oder in der Produktion. Die gebürtige Jugoslawin kam 1972 nach München, seit 1984 lebt sie in Kirchheim. Von Anfang an hat sie sich integriert, und sie spricht perfekt Deutsch. „Hier ist meine Heimat, wo es mir gut geht“, betont sie. Lange Zeit ging es ihr auch gut. Doch die Probleme begannen mit dem Krieg in Bosnien, der das Haus zerstörte, in das Slavica D. und ihr Mann ihr gesamtes Erspartes gesteckt hatten. Dann ließ sich ihr Mann nach 33 Ehejahren von ihr scheiden, Unterhalt bekommt sie keinen. Der richtige Absturz begann, als ihr auch noch die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung machte – Diagnose: chronische obstruktive Bronchitis. Die Lunge arbeitet nicht mehr richtig, so dass Slavica D. ohne ständige Sauerstoffzufuhr nicht mehr leben kann. „Ich habe lange gebraucht, bis ich akzeptiert habe, dass ich nicht mehr arbeitsfähig bin“, berichtet sie.
Ihre Rente beträgt knapp 500 Euro. Da waren ihre Ersparnisse schnell aufgebraucht. Als dann noch Brustkrebs bei ihr auftrat, war sie ganz unten angekommen. „Ich wollte nicht mehr leben“, sagt sie. Ganz langsam und mit viel Unterstützung und liebevoller Beharrlichkeit der Kirchheimer Seniorenbeauftragten Veronika Lentz hat sie sich wieder aufgerappelt, lacht heute wieder viel und gern. „Es ist nun mal, wie es ist“, sagt sie. Zu ihrer Rente bekommt sie jetzt noch rund 400 Euro Grundsicherung. An Miete zahlt sie 600 Euro.
Da bleibt nicht viel zum Leben. „Ich bin dankbar, dass es die Tafel gibt“, sagt Slavica D.; an Lebensmitteln muss sie kaum noch etwas dazukaufen. Auch schätzt sie die netten Mitarbeiter, die für eine angenehme Atmosphäre sorgen, sowie die Gespräche mit der Seniorenbeauftragten sowie mit Pfarrer Werner Kienle, der ebenfalls regelmäßig dabei ist.
Fast noch wichtiger als die Lebensmittel sei für viele, mal aus ihrer Wohnung und damit aus ihrer Isolation herauszukommen und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. „Die Armut schweißt zusammen“, weiß Slavica D.. Inzwischen kennt sie alle Lebensgeschichten. Fast jeder sei in die Bedürftigkeit hineingerutscht. Viele schämten sich so dafür, dass sie ihre Notlage sogar vor den eigenen Kindern geheim hielten.
Die Kirchheimer Tafel besteht seit 2006 und versorgt heute jeden Donnerstag 60 Familien mit rund 100 Personen aus Kirchheim, Aschheim und Feldkirchen. Dafür stellen mehr als 20 Geschäfte aus den drei Gemeinden Waren zur Verfügung. Ehrenamtliche Helfer holen nicht nur die Waren ab und liefern sie den Kunden sogar nach Hause, wenn diese verhindert sind, sondern sie gestalten während der Ausgabe im Jugendzentrum auch ein Café. „Das ist die beste Tafel in und um München“, sagt Slavica D.. Man müsse nicht im Freien anstehen, sondern werde in gemütlichem Rahmen liebevoll versorgt. Als Weihnachtsgeschenk für alle Kunden wünscht sich die Tafel Friseur-Gutscheine. „Einen Haarschnitt kann sich sonst kaum jemand leisten“, erklärt Organisator Peter Möws.
(SZ vom 09.12.11)