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19.12.2011

SZ vom 19.12.11

Alleinerziehend und gelähmt

Es begann mit einem Taubheitsgefühl in ihren Beinen, das war im Februar dieses Jahres. „Plötzlich konnte ich nicht mehr mit dem Fahrrad fahren“, sagt Manuela Bommhardt. Als das Taubheitsgefühl nicht verschwand, ging die Münchnerin zum Arzt. Er musste eine Diagnose fällen, die das Leben der Floristin radikal veränderte.



Manuela Bommhardt leidet an einer sehr seltenen Erkrankung, die immer weiter fortschreitet, der Syringomyelie. In ihrem Rückenmark bilden sich Einlagerungen, die immer größer werden. Knapp ein Jahr nach der Diagnose ist sie von der Brust abwärts gelähmt. Sie kann noch die Arme bewegen, auch den Kopf. Der Rest ihres Körpers sitzt bewegungs- und empfindungslos im Rollstuhl. Und Manuela Bommhardt weiß schon jetzt, dass es dabei nicht bleiben wird: Irgendwann wird sie sich gar nicht mehr bewegen können, bei voller geistiger Gesundheit. „Darauf läuft es hinaus“, sagt die 36-Jährige.
Diese Gewissheit trägt Manuela Bommhardt mit bewundernswerten Fassung. Sie ist Mutter einer fünfjährigen Tochter, und sie sagt: „Sie gibt mir die Kraft, damit ich stark sein kann – für sie.“ Dabei war für beide, Mutter und Tochter, die Diagnose und deren Folgen ein schwerer Schock. „Meine Tochter sagte immer: Mama macht jetzt Urlaub im Rollstuhl“ – in der Hoffnung, dass dieser „Urlaub“ irgendwann vorbei sein und Mama wieder aufstehen würde. Erst in letzter Zeit hat die Kleine akzeptiert, dass das nicht passieren wird.
Und auch Manuela Bommhardt selbst kann ihre Situation noch immer nicht begreifen. „Ich kann es einfach nicht glauben“, sagt sie. Als sie nach der Operation im Rollstuhl saß, versuchte sie, mit Krücken auf die Beine zu kommen. „Ich wollte es nicht wahrhaben, dass ich nicht mehr laufen kann.“ Sie stürzte zu Boden, kam alleine nicht mehr hoch.
Vor einem Monat ist Manuela Bommhardt in eine barrierefreie Wohnung gezogen. „Ich versuche, so selbständig wie möglich zu sein“, sagt sie. Wegen eines Dekubitus muss sie derzeit viel liegen, doch sie kocht, putzt, versorgt ihre Tochter und denkt darüber nach, künftig möglicherweise von zu Hause aus zu arbeiten. Doch nach draußen kann sie nicht – sie hat zu wenig Kraft, um den Rollstuhl über weite Strecken zu bewegen, die Kleine zum Kindergarten zu bringen oder mit ihr zum Spielplatz zu fahren. Mit einem elektrischen Rollstuhl, den die Krankenkasse nicht bezahlt, könnte sie am Leben ihrer Tochter teilhaben, so lange es noch geht. „Das ist alles, was ich möchte“, sagt Manuela Bommhardt.

(SZ vom 19.12.11)